Texte und Kurzgeschichten
Sehnsucht
2004 überarbeitet 2007
Weißer Nebel senkt sich über den Waldesgrund.
Die schwarzen Tannen stehen stumm und regungslos, nur ein leiser Wind spielt in ihren Ästen und wirbelt die welken Blätter des Waldbodens auf, lässt sie durch die kühle Abendluft tanzen und mit kaum vernehmbaren Rascheln zu Füßen der in Zwielicht gehüllten Baumriesen niedersinken. Bald wird die Abenddämmerung die weichen Konturen noch mehr verwischen und alles in unwirklichem Zwielicht tauchen, bevor die Nacht die Szenerie endgültig verschluckt.
Noch immer steht er regungslos und lässt seinen Blick ins Unendliche schweifen, über die verwischten Umrisse der bewaldeten Hügel zu den schattenhaften Gestalten der alten Eichen, die wie undeutliche Scherenschnitte in den Himmel ragen. Unwirklich und bizarr, Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Von irgendwo her dringt der Schrei einer Krähe durch den Nebel und kaltes Entsetzten steigt in ihm auf.
Sein Blick, von Tränen verschleiert, verliert sich schließlich an der Stelle, wo Himmel und Erde ineinander verschmelzen - undurchdringliches, weißes Nichts verschluckt die Welt. Seine Welt.
Er öffnet den Mund um etwas zu sagen, sie zu rufen, will sie anzuflehen zurück zu kehren oder einfach nur diese unerträgliche Stille zerreißen. Diese fürchterliche Stille, die so undurchdringlich ist, dass sie droht ihn zu ersticken.. Doch nichts. Kein Wort löst sich von seinen Lippen, ein leises Seufzen nur, dessen Klang ihn schaudern lässt.
Allmählich wird es dunkler, doch steht er noch immer unbewegt und starrt in die Schwärze des Waldes, die sich nun drohend vor ihm erhebt. Sein Haar, feucht von Tau und Nebel, fällt ihm ins Gesicht und klebt an seiner kalten Haut.
Er steht zitternd und atmet schwer, starrt nun auf die Stelle, an der sie seinem Blick entschwunden, eingetaucht war in die Schatten der Bäume.
Er wartet. Tiefe Verzweiflung verwirr seine Gedanken, von fern hört er sich ihren Namen sagen - ein Flüstern erst, dann immer lauter, bis er ihn schließlich schreit Und er löst sich auf in diesem Schrei, wird eins mit ihm, bis nur noch seine Stimme existiert, die scharf durch die Dunkelheit schneidet. Und weiß, weiß, dass er einfach mit ihm im Nichts verhallen wird wenn er aufhört. Und er hört nicht auf. Tränen mischen sich mit seinem Schweiß, mit dem kalten Tau, der von seiner Stirn rinnt und über seine spröden, kalten Lippen.
Der Schrei, der Schmerz, die Verzweiflung verwoben mit den weißen Nebelfasern die ihn umwehen und wie kalte, bleiche Arme nach ihm greifen. So lange schreit er, bis seine Stimme bricht und zu einem heiseren Schluchzen verebbt und schließlich ganz erstirbt.
Er weint nur noch leise, hat sich in das feuchte Graß fallen lassen und harrt dort der Wellen der Dunkelheit, die über ihm zusammenschlagen. Die Nacht, die gütige, erlösende, Trost bringende Nacht aber breitet nicht gnädig ihre Schwingen über seine zusammengekauerte Verzweiflung. Ihm ist, als wäre die Zeit stehen geblieben und kalte Angst überkommt ihn.
Taumelnd richtet er sich auf, sucht mit den Augen wieder jene Stelle. Die Tränen blenden ihn, brennen sich durch seine Wahrnehmung, doch er sucht weiter, findet. weiß, er muss sie finden. Weiß, dass er nicht ohne sie zurückkehren kann.
Und so richtet er sich auf. Ein Schmerz durchzuckt ihn. Keine Kraft mehr in den Beinen, keine Kraft mehr. Doch der Wille ist stark, keinen Augenblick hält er inne, beginnt zu laufen.
Langsam erst, dann schneller und immer schneller bis er schließlich rennt. Er rennt durch die Nacht, rennt sie zu finden, sie zurück zu bringen. Zurück zu ihm.
Immer näher kommt der Wald, die Bäume erheben stehen drohend über ihm. Er hört sein Herz schlagen – ein dumpfes Dröhnen, so laut, als wolle es seine Brust sprengen.
Die Tannen raunen ihren Namen und der Wind schwillt an zu einem unerträglichen Dröhnen. Dann Stille. Er hat sie gefunden.
Still liegt sie im bunten Laub, ihr Haar umfließt ihr feines, weißes Gesicht wie ein Feuerkranz, ein Heiligenschein. Wie eine zerbrochene Puppe liegt sie da, die Augen halb geöffnet und ohne Ganz. Doch sie lächelt. Er weiß, dass sie lächelt, weiß, dass sie nun für immer ihm gehören wird. Lächelnd steht er über sie gebeugt, bar jeder Angst und Verzweiflung. Ein unbeschreiblich warmes Gefühl durchströmt seinen Körper, pulsiert in seinen Adern – er hat sie gefunden.
Und endlich gibt sein fester Griff frei, was er die ganze Zeit an sich gepresst hielt – dumpf fällt die hölzerne Armbrust ins feuchte Laub als er sich behutsam zu ihr niedersinken lässt, und sich zu ihr legt. Er spürt die Kälte nicht, die durch seine durchnässten Kleider dringt, küsst nur ihre weiße Stirn, den bleichen Mund und ihre vollkommenen Augenlieder.
Sie wird ihn nicht wieder verlassen, nie wieder.
Noch nie war sie schöner als in diesem Augenblick : das Laub in ihrem braunen Haar gleich einem Blütenkranz, das weiße Kleid, vom Rot ihres Blutes geküsst und die zierlichen Hände, die das Holz des Pfeils umschließen, der ihre schmale Brust durchbohrt. Da liegt sie, seine Braut für die Ewigkeit, still und ernst, wie sie es immer war. Liegt neben ihm und ist nun endlich sein. Für immer.
Und als er lächelnd die Augen schließt, beginnt es leise zu schneien...
Der Chronist oder Minnesang
2005 überarbeitet 2007
Der Abendsonne goldnes Licht fiel sanft durch der Lindenbäume grünes Frühlingskleid wie ich, ermattet von des Tagen Müh´, an einem kleinen Bache saß und seinem heitren Murmeln lauschte. Die Luft war schwer von Fliederduft und gelb blühten die Narzissen unter meinen nackten Füßen. Von Fern her hört ich Kinderlachen glockenhell zu mir herüberschallen und lächelnd nahm mein Buch ich wieder auf und laß mir selbst Gedichte vor.
Doch plötzlich war´s mir, als wäre es auf einmal kälter geworden. Fröstelnd stand ich auf und griff nach meinen Kleidern – da sah ich ihn und wart Starr vor Angst. Kaum zwei handbreit stand er hinter mir, so nah, dass sein Gewand meine Hand streifte.
Er sprach kein Wort, sah mich nur immer an, mit Augen, die wie Opale glänzten und in denen ferne Feuer brannten. So seltsam weh wurd mir von seinem Blick, doch konnte ich den meinen nicht einen Augenblick von ihm wenden. Diese Augen, die mich fortan bis in meine Träume jagen würden - sie waren ohne Regung, ohne Emotion, doch so voller Weisheit waren sie. Spiegel unzähliger Jahre, Jahrzehnte gar. Ich versank in diesen Augen, ertrank in ihnen. Nichts gab es mehr als diese Augen und, ach, mir war´s, als versage mir das Herz für einen lieblichen Augenblick den Dienst und die Zeit hielt inne in ihrem raschen Lauf.
Er war ganz in schwarz gekleidet und der Sonne Lächeln glänzte in seinem blonden Haar, das in wirren Locken sein ernstes Gesicht umrahmte. So kalt und weiß wie Marmor seine Haut. Engelsgleich die ebenmäßigen Züge, wie die eines greisen Knabens.
Sanft neigte er den Kopf zum Gruße und wies ohne ein Wort zu sprechen auf das kleine Büchlein, welches ich noch immer an meine Brust gedrückt hielt. Für die Dauer eines Herzschlages schien sein Gesicht einen flehenden Ausdruck anzunehmen und der Schmerz, den ich aus seinem Blick zu lesen glaubte, traf mich tief ins Herz. Ich verstand wohl, was er wollte. So setzte ich mich wieder und begann zu lesen. Fremd klang mir meine Stimme und ich vermochte nicht, ein leichtes Zittern zu verbergen. Er stand noch immer, die Augen nun geschlossen, und lauschte meinen Worten. Wie lange ich las – ich vermag es nicht zu sagen. Lang schon war die Sonne untergegangen, rotes Abendlicht ergoss sich in des Waldes Flur und ich getraute mich kaum, die Stille durch mein Atmen zu zerreißen. Als ich schließlich von meinem Buch aufblickte, sah ich seinen Blick erneut auf mir ruhen. Ich erschauderte und wart erneut von seinem Anblick gefesselt und gar die Stimme versagte mir, als mein Wort an ihn wenden wollte. Da lächelte er, zumindest schien es mir so und legte sich einen Finger an die Lippen. Er wand sich ab und ging, mit keinem zweiten Blick mehr ehrt´ er mich. Verschluckt von den Schatten des Waldes entschwand er wie ein Traumgespinst, ließ mich allein zurück mit tränennassen Wangen.
Ach, mag man meiner Unschuld Torheit auch verlachen, doch keiner Jungfrau reines Herz, könnt´ ihrem Liebsten minniglicher zugetan sein, als meines es jenem Fremden war, zu dieser abendkühlen Stund´ im Schatten des Waldes.
Unbestimmte Sehnsucht trieb mich immer wieder zurück zu jeden Ort, manch Abendstund´ verharrte ich in schweigender Erwartung, doch kam er nie. Schon zweifelt´ ich an dem was ich gesehen, begann zu glauben, es wäre nur ein töricht Traum gewesen.
Doch nie, zu keinem Augenblick, erstarb die Hoffnung mir.
Und endlich, als sich der zehnte Tag sich dem Ende neigte und fahles Mondlich schon durch dichtes Laubwerk fiel, kehrte er zurück zu mir. Fließend lößte sich sein Schatten aus der Finsterniß, als wäre er selbst ein Teil davon. Mein erster Schreck war schnell vergangen und um so stürmischer grüßte ihn mein Herz.
Stille umgab ihn und es war, als umwehe ihn ein kalter Hauch, doch seine Schönheit war´s, die mir den Atem nahm. Seine Kleidung war von altmodischer Eleganz, doch schien sie seinen Körper gleichsam wie Nebelschwaden zu umfließen. Er griff nach meiner Hand und hitelt sie für einen langen Augenblick in den seinen. So kalt waren sie, doch brannten sie wie Feuer auf meiner Haut. Mir war´s, als spräche er zu mir, doch war es nicht der der Lippen feine Schwung der jene Worte formten, die gleich dem Rauschen des Windes in meinen Ohren dröhnten – vielmehr war´s sein Herz, das zu mir sprach. Sein Herz, so kalt und stumm wie auch er es war, es sprach von Ewigkeit und lang vergessnen Zeiten, vom Westwind und der Einsamkeit. Ich sah die Bilder vieler tausend Nächte vor meinen Augen erblühen und vergehen, sah ihn, den Wanderer durch Raum und Zeit, in Ewigkeit dazu verdammt, der Menschen Schicksal zu verfolgen.
Lange noch hielt er mich in seinen Armen, als längst schon nichts als Schweigen mehr uns umgab. Sternenlicht glänzte in seinen Tränen als ich mich von ihm lößte, doch als er sich zum Gehen wandte um mich erneut und für immer zu verlassen griff ich nach seiner Hand.
Ich würde ihm für immer folgen, egal wohin der Weg uns führt. Ich scheute weder Finsterniß noch Höllenfeuer, wusste ich doch, dass ich niemals wieder glücklich werden könnte. Glücklich werden, ohne ihn.
Als er in dieser Nacht nun in die Schatten trat, kam ich mit ihm und hab´ ihn seither nicht verlassen – nicht eine Nacht in tausend Jahren, die ich nicht Seit an Seit mit ihm durchschritten, nicht ein Augenblick hat uns getrennt und meine Liebe ist mit jeder Nacht gewachsen und wird es weiter tun bis ans Ende uns´rer Zeit.
Schnee
2003
Schnee.
In stillem Reigen tanzen die Flocken zu Boden, fallen lautlos durch die kalte Winterluft. Kein Laut ist zu hören - die Stille ist so undurchdringlich, dass sie schmerzt. Die Wolken so weiß wie die verschneiten Wiesen, Himmel und Erde verschmelzen an ihren Rändern miteinander, in weißem Nichts schwebend verliert sich der Blick im Unendlichen.
Jeder Schritt kostet Kraft, Kraft die der geschundene Körper nicht mehr aufbringen kann. Die Füße werden schwer wie Blei, der Schnee umschließt sie gierig, hält sie mit tausend Armen umklammert.
Nur nicht straucheln, nur nicht fallen, sonst bist Du verloren. Die Hände an die Brust gepresst, einen Schritt vor den anderen, einen Schritt vor den anderen.
Die Anstrengung beugt seine Knie, seine schmächtige Gestalt zittert vor Anstrengung, taumelt durch das immer stärker werdende Schneetreiben.
Die Augen starr aufs Ziel gerichtet, ein weißer Punkt im weißen Nichts - man darf sein Ziel nicht aus den Augen lassen, sonst wird einen die Sinnlosigkeit überrollen, erdrücken, begraben wie eine Lawine.
Jeder Schritt bringt dich näher ans Leben und weiter weg vom Tod. Das heiße Blut rinnt zwischen den Fingern hindurch, will es halten, kann es nicht, tropft zu Boden in den weißen Schnee. Ein dünner Rinnsal des Lebens, leuchtend rot, pulsierend als stilles Zeugnis des Todes und der Niederlage.
Sinnlos.
Die, die Dich suchen, finden dich auch so und die, die Du suchst, wirst Du nicht erreichen, niemals erreichen. Doch Du musst. Musst es versuchen. Musst die Hoffnung mit den Händen schützen, dass sie nicht erlischt wie eine flackernde Kerzenflamme im Wind.
Die Welt verschwimmt vor seinen Augen, wird verschlungen vom Schmerz, der wie flüssiges Metall durch seine Venen fließt.
Wie weit sind sie entfernt? Sind sie schon auf deiner Spur? Kein Blick zurück, keine kurze Rast, musst weiter laufen, Schritt um Schritt. Das Atmen fällt schwerer und immer schwerer. Keine Luft mehr.Doch Du musst weiter laufen, dem Tod entwischen, dem Leben entgegen! Leben!
Die Kugel muss noch in der Brust stecken, das Schlüsselbein hat ihre Wucht gebremst.
Die Knöchel weiß vor Anstrengung, den Schmerz zurück pressen in die Wunde, den Schusskanal. Hat Hundegebell schon die Stille zerrissen? Waren das Männerstimmen die mich riefen?
Schau dich nicht um, lauf weiter. Schnee in den Augen, Kälte im Herzen, darfst sie nicht schließen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Ist dass Blut, das du schmeckst? Spuck es aus, es ist die Anstrengung. Lauf! Du musst laufen, niemals stehen bleiben.
Der Schnee nimmt ihm den Blick, es wird dunkler. Alles grau und undifferenziert, die Konturen lösen sich auf, verschwimmen im unwirklichen Dämmerlicht. Noch immer Schneefall.
Die Haut so kalt, so kalt und taub. Die Lippen gesprungen und an den Mundwinkeln trocknet Blut. Jeder Atemzug schmerzt. Schmerzt.
Du musst weiter laufen, sie kriegen dich sonst. Haben dich schon fast, nur ein Herzschlag trennt sie von dir. Es ist so schwer, der Schnee so weich, die Kräfte werden wiederkehren, musst nur kurz ausruhen. Kurz ausruhen.
Wie Federbetten so weich. Nur ein wenig ausruhen. Wärme durchströmt die Glieder, die Hand sinkt in den Schoß, blutverkrustet, starr. Nur kurz die Augen schließen, für einen Moment nur. Der Atmen geht stockend, kaum merklich hebt sich die Brust. Keine Schmerzen mehr, blas aus die Flamme, es ist vorbei. Dunkelheit. Warme, tröstende Dunkelheit hüllt ihn ein. Stille...Schlaf...Tod.
Die Nacht senkt sich übers Land. Schneeflocken tanzen zu Boden, unaufhörlich.
Am Morgen fand man ihn. Das Dorf war keine zehn Schritte mehr entfernt, die Dunkelheit muss es seinem Blick entzogen haben. Der starke Blutverlust und die Kälte - er hatte keine Chance. Er lag, gekrümmt wie ein Säugling, gänzlich bedeckt von Neuschnee, ganz friedlich, wie schlafend. Beinahe sah es so aus, als würde ein Lächeln seine kalten Lippen umspielen.